Kenntnisse deutscher Aufsichtsräte sind verbesserungsbedürftig

28.05.2003 Börsen-Zeitung

„Board-Review“ legt Defizite bei Zeiteinsatz und Unabhängigkeit offen – Gespräch mit Axel Smend, Deutsche Agentur für Aufsichtsräte

wf Berlin – Mangelnde Vorbereitung, zu geringer Zeiteinsatz, eingeschränkte Unabhängigkeit und ungenügende Erfahrung auf ausländischen Märkten – das sind die Hauptdefizite von
Aufsichtsräten bei mittelständischen Unternehmen. Auch an der „klassischen Unternehmerpersönlichkeit“ fehle es häufig, sagte Axel Smend, Geschäftsführer der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte, im
Gespräch mit der Börsen-Zeitung.

Diese Defizite hat Smend bei den so genannten „Board-Reviews“ ausgemacht, die die Agentur im Auftrag von einigen Unternehmen inzwischen vorgenommen hat. Der Corporate Governance Kodex zur guten Unternehmensführung empfiehlt: “ Der Aufsichtsrat soll regelmäßig die Effizienz seiner Tätigkeitprüfen“. Die meisten Unternehmen wollten dieser Soll-Bestimmung nachkommen, sagte Smend. Einer Untersuchung der Managementberatungsgesellschaft Towers Perrin unter den 100 größten börsennotierten deutschen Unternehmen habe ergeben, dass von den 95 Gesellschaften, die dem Kodex entsprechen wollen, 98% beabsichtigen, ihren Aufsichtsrat einer Effizienzprüfung zu unterziehen. Vier „Board Reviews“, drei davon bei börsennotierten Unternehmen – darunter die IVU Traffic Technologies -, hat Smend bisher abgeschlossen.
Diese Dienstleistung ist nur eine derer, die die Agentur ausschließlich für mittelständische
Unternehmen anbietet. Zusammen mit der Investitionsbank Berlin, der Nord LB und verschiedenen
Unternehmern war die Agentur im vergangenen November in Berlin mit dem Ziel gegründet
worden, bundesweit Beratung rund um die Aufsichtsratspraxis anzubieten, um damit die Qualität
in den Kontrollgremien des Mittelstandes zu verbessern. Dazu gehört nicht nur die Vermittlung
von Aufsichtsrat- und Beiratsmitgliedern, sondern auch deren Training und Coaching sowie
schließlich der „Board-Review“. Zu den Kunden gehören unter anderem Unternehmen „des oberen
Segments des M-Dax“, erläuterte Smend.

„Gros hat Nachholbedarf“

Schon das Training und Coaching habe eine „überraschend geringe Qualität“ des Know-how von
Aufsichtsratsmitglieder offen gelegt, stellte Smend fest. „Das Gros hat Nachholbedarf“. So
seien nur wenige Aufsichtsräte ausreichend über die gesetzlichen Bestimmung des Aktienrechts,
aber auch über Haftungsfragen oder den Umgang mit Insiderwissen informiert. Es fehle vielfach
auch an wirtschaftlichen Grundkenntnissen etwa Naturwissenschaftlern. So müsse auch ein Mediziner
eine Bilanz in Grundzügen lesen können.
Die „Board-Reviews“ nehmen vergleichsweise viel Zeit in Anspruch. Bei der Deutschen Agentur für
Aufsichtsräte umfasst sie ein zweistündiges Gespräch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden,
Einzelgespräche mit den Aufsichtsratsmitgliedern zwischen 90 und 120 Minuten sowie
Einzelgespräche von jeweils ca. 30 Minuten mit den Vorstandsmitgliedern zu deren Einschätzung der
Arbeit des Kontrollgremiums. Der Aufsichtsrat erhält über die Ergebnisse einen Bericht, der bei
Bedarf auch mündlich erläutert wird.

Umfangreiche Befragung

Der Fragenkatalog umfasst Punkte zur Zusammensetzung des Gremiums mit Blick auf fachliche
Eignung, Altersstruktur und Nachfolgeregelungen, geht auf die Satzung und Organisation des Aufsichtsrats
ein, auf dessen Pflichtenkatalog, die Qualität der Zusammenarbeit und auf die Unabhängigkeit
der Mitglieder. „Der Schulfreund oder Schwiegervater habe in dem Gremium nichts zu suchen“,
sagte Smend. Das sei zwar bequem, reiche aber nicht. Auch Banker mit einem Kreditengagement in
dem Unternehmen oder Wirtschaftsprüfer und Steuerberater mit Mandaten seien ungeeignet dafür.
Verbesserungsbedürftig ist Smend zufolge die Kommunikation zwischen den Sitzungen von Vorstand
und Aufsichtsratsmitgliedern. Es reiche nicht aus, nur vier Mal im Jahr die Zahlen zu
prüfen. Erfahrung der Räte und Akzeptanz beim Vorstand seien weitere wichtige Qualitäten.
Die Vorstände vermissten besonders bei strategischen Fragen die Einschätzung des Gremiums.
Es werde vielfach zu theoretisch diskutiert.
Positive Ergebnisse des „Board Review“ sind Smend zufolge bereits zu sehen. Nach einem der
Effizienztests habe ein Aufsichtsratsmitglied wegen eines Interessenkonflikts sein Mandat
niedergelegt. In anderen Fällen hätten die Räte Besserung bei Anwesenheit und Beteiligung
im Gremium gelobt. In einem weiteren Unternehmen werde bei der Neubesetzung eines
Aufsichtsratsmandates für das stark exportorientierte Unternehmen ein Aufsichtsrat mit
internationaler Erfahrung gesucht. Ein solcher sei dort bisher nicht vertreten.

Kosten rentieren sich

Auch die Bezüge der Aufsichtsräte seien von nicht unerheblicher Bedeutung, unterstrich Smend.
Wer viel Zeit investiert, solle auch adäquat honoriert werden. Bisher seien Aufsichtsräte
durchweg zu schlecht bezahlt. Zunehmend setze sich aber eine bessere Honorierung durch, bei der
ein Drittel fix sei und zwei Drittelergebnisabhängig.
Auch der „Board-Review“ habe seinen Preis. Diese Kosten rentierten sich aber durch höhere
Effizienz bei der Arbeit im Aufsichtsrat und niedrigere Finanzierungskosten. Internationale
Investoren honorierten die Einhaltung des Corporate Governance Kodex und Banken eine
professionelle Führung beim Rating für Basel II.

Sie möchten etwas kommentieren?