Agentur bietet Nachhilfe für Aufsichtsräte

Mittwoch, 17.09.2003 – Nr. 179, Handelsblatt

Agentur bietet Nachhilfe für Aufsichtsräte
Wachsende Anforderungen erfordern Professionalität

FRANKFURT/M. Die Aufsichtsräte deutscher Unternehmen arbeiten nicht professionell genug.
„Den ständig wachsenden Anforderungen sind viele Aufsichtsratsmitglieder nicht mehr gewachsen“,
sagte Axel Smend, Chef der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Vor allem bei Haftungsfragen und dem Druck von Öffentlichkeit und Investoren seien viele
Aufsichtsratsmitglieder überfordert.
Erst vor kurzem hatte auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in einer
Studie die Gründung von Berufsaufsichtsräten begrüßt. Um die im Corporate-Governance-Kodex
formulierten Aufgaben erfolgreich erfüllen zu können, ist aus DSW-Sicht ein hohes Maß an
betriebswirtschaftlicher Kompetenz und unternehmerischer Erfahrung notwendig. Auch fehle
häufig die internationale Expertise. In den Gremien der 30 Dax-Werte sind nur wenige Ausländer
zu finden, bemängelte DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker.
Hilfe, vor allem für den Mittelstand, gibt es von der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte. Das
Angebot von Unternehmenschef Smend reicht von der Analyse der Zusammensetzung der Gremien über
die Schulung der Aufsichtsräte bis hin zur Vermittlung erfahrener Unternehmer.
„Knapp 300 bekannte Persönlichkeiten haben sich bei mir registrieren lassen, um mit ihren
Erfahrungen weiterzuhelfen“, sagte Smend. Bei der Schulung ist er besonders gefordert bei der
Vermittlung der neuen Rechnungslegungsvorschriften wie IAS oder US GAAP oder auch der neuen
Eigenkapitalregeln für Banken (Basel II), wo „großer“ Nachholbedarf besteht“.
Zu den Kunden der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte zählen laut Smend Unternehmen „unterhalb“
des Dax“. Der Schwerpunkt liegt auf mittelständischen Gesellschaften. Konkurrenz gibt es keine.
Lediglich in Amerika gebe es eine Agentur, die etwas ähnliches anbiete, so Smend. Im ersten
Jahr ihres Bestehens hat die im Herbst 2002 gegründete Agentur acht Aufsichtsräte vermittelt,
sechs Schulungen sowie vier Überprüfungen von Gremien durchgeführt.
Probleme sieht der erfahrene Banker vor allem bei wachstumsstarken Mittelständlern. „Die
erfolgreichen Unternehmen wachsen in eine neue Größenklasse hinein, manche internationalisieren
sogar. Da stoßen Aufsichtsräte, die das Unternehmen seit Gründung begleitet haben an ihre
Grenzen.“

In den Gremien fehlt internationale Expertise

Smend und die DSW kritisieren die in Deutschland zunehmend übliche Praxis, dass der
Vorstandschef am Ablauf seiner Amtszeit auf den Posten des Aufsichtsratschefs wechselt. Hocker
sieht es als wenig erfreulich an, dass sieben der zehn meistbeschäftigten Kontrolleure
direkt vom Posten des Vorstandschefs in den Vorsitz des Aufsichtsrates der selben Gesellschaft
gewechselt seien.
Auf Grund der stärkeren Verantwortung sprach Smend sich aber für eine höhere Vergütung aus.
Allerdings müsste diese an die Entwicklung des Unternehmens gekoppelt sein. Mit Blick auf die
Corporate-Governance-Diskussion forderte Smend einen Katalog von Verhaltensempfehlungen für den
Mittelstand. Sein Haus werde bis zum Ende des Jahres eine solche Leitlinie vorstellen, die
gemeinsam mit Unternehmern aus dem Mittelstand erarbeitet wurde.

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